Hokuspokus

Ich ziehe während meiner Gebetszeit gerne Bibelstellen aus einem Säckchen, in dem sich lauter kleine Zettelchen mit Bibelstellenangaben befinden.

Neulich sagte meine Tochter zu mir, dass das Ziehen von Bibelzitaten für sie wie Hokuspokus aussieht.

Orakel befragen?

Ich fand ihre Aussage interessant, denn ich musste darüber nachdenken, wie ich etwas erläutere, das für mich selbstverständlich ist und nichts mit Orakel zu tun hat. Ich muss auch zugeben, dass es tatsächlich diesen Anschein hat.

Warum ziehe ich überhaupt Bibelstellen?

Manchmal versuche ich in meiner Gebetszeit ruhig zu werden, was mir nicht immer gelingt. Ich brauche oft einen Rahmen, an dem ich mich festhalten kann. Dazu dienen mir zufällig gezogene Bibelzitate.

Einerseits denke ich schon, dass da was drin steckt, über das ich jetzt nachdenken soll. Manchmal ist es nur ein Wort, das mich anspricht und beschäftigt, manchmal der Zusammenhang, in dem der Text steht.

Andererseits hilft es mir einfach, meine Gedanken zu sortieren und sie auf Gott und seine Geschichte mit uns Menschen zu lenken.

In ganz seltenen Fällen hat mich aber schon die ein oder andere Stelle dermaßen berührt, dass ich tatsächlich das Gefühl hatte, da will mir jemand etwas sagen. Aber das geschieht äußerst selten.

Das Beten mit Bibelzitaten lässt mich nach innen hören. Tut sich da etwas in mir? Spricht mich etwas an? Was fühle ich? – manchmal kommt auch gar nichts.

Kleines Beispiel

Vor ein paar Tagen zog ich die Bibelstelle Josua 6,2:

„Da sagte der Herr zu Josua: Sieh her, ich gebe Jericho und seinen König samt seinen Helden in deine Hand.“

Was fange ich mit diesen Worten an? Jericho samt seinem König von damals sind ganz weit weg von mir. Vielleicht hilft mir der Kontext weiter, in dem dieser Satz steht?

Worum geht`s im Kontext?

Mose führte das Volk Israel unter Gottes Anleitung aus Ägypten heraus. Zuerst waren die Israeliten ganz froh, der Unfreiheit in Ägypten zu entkommen, aber dann wurde der Weg lang und anstrengend. Obwohl Gott stets für sein Volk sorgte (Wasser, als der Durst besonders groß war, Manna gegen den Hunger), beschwerten sie sich immer mehr und kamen zu dem Schluss, dass sie doch lieber in Ägypten geblieben wären. Vergessen waren die Zustände, die sie dort ertragen mussten. Irgendwann eskalierte die Situation so, dass sie sich ein goldenes Kalb gossen und es an Gottes Stelle anbeteten.

Damit verärgerten sie Gott so sehr, dass er schwor, dass diese Generation nicht in das versprochene Land ziehen würde, sondern 40 Jahre in der Wüste bleiben müsste. Erst Josua, der Nachfolger Moses, erhielt schließlich von Gott den Auftrag, das Volk Gottes aus der Wüste über den Jordan ins gelobte Land zu führen. Die Stadt Jericho ist die erste Stadt, die es einzunehmen gilt. Jericho hat aber eine starke Befestigung und scheint uneinnehmbar zu sein. Gott hat jedoch Josua zugesagt, dass er Jericho samt König in seine Hände geben wird.

Da kommt mir doch einiges bekannt vor

Die ganze Geschichte, die hinter der Verheißung der Einnahme Jerichos steht, hat für mich zeitlosen Charakter. Wo liegen die Parallelen zu heute?

Gedanken purzeln durcheinander

Eine unerträgliche Situation verändert sich, etwas Neues geschieht und was machen wir? Wir meckern erst mal. Ich denke, der Mensch reagiert zu allererst auf vieles ablehnend, weil er sich vor Neuem ängstigt. Egal wie schlecht das bisherige war, aber es ist vertraut und man kann sich damit irgendwie einfacher arrangieren.

Vom Wert der Freiheit

Was wurde damals in 1989 gebetet, dass endlich die trennende Grenze in Deutschland fallen sollte. Die Menschen wollten frei sein. Und was ist davon übrig geblieben? Es gibt immer noch viele, die behaupten, dass es ihnen vor der Grenzöffnung besser ging. Ich frage mich dann immer, ob man wirklich alles vergessen kann: die Unfreiheit, die Stasi und ihre Methoden…. . Sicher ist nicht alles glatt verlaufen und es gab und gibt auch heute noch Ungerechtigkeiten und Unsicherheit. Aber wären die Menschen wirklich bereit, wieder auf ihre Freiheit zu verzichten? Kann man bei allen Beschwernissen und Ängsten, die mit der Wiedervereinigung auf die Menschen zukamen, den Wert der Freiheit bestimmen und den Ängsten gegenüberstellen? Ich weiß es nicht.

Wüstenzeiten

Und jetzt die Corona Zeit? Soll das für uns vielleicht eine Wüstenerfahrung werden? Dem Großteil der in Deutschland lebenden Menschen geht es sehr gut. Wir sind frei, leben in friedlichen Zeiten, können überall hin reisen, haben einen guten Status in der Welt, haben eine gute medizinische und soziale Versorgung, haben genug zu essen usw.. Ich glaube, es gibt nur wenige Länder, in denen es einem so hohen Anteil der Bevölkerung so gut geht. Gleichzeitig werden die Kirchen immer leerer. Wir brauchen keinen Gott mehr, weil wir uns andere Götter geschaffen haben: unser Bankkonto, Versicherungen, Immobilien, was auch immer. Wir bauen auf uns selbst. Und dann stellen wir fest, wie wackelig unser Netz ist, das uns auffangen soll. Bilder aus Italien haben uns gezeigt, wie die Gesundheitsversorgung zusammenbrechen kann; – kann sowas auch bei uns in Deutschland passieren? Lockdown – unvorstellbar, aber in aller Munde. Ja, wir haben in Deutschland das Virus bisher gut in den Griff bekommen, aber welchen Preis haben wir dafür zu zahlen? Die Angst vor einer Rezession geht um. Was bleibt am Ende von unseren Sicherheiten?

Was gibt mir Sicherheit?

Vielleicht ist jetzt ja genau die Zeit, sich zu besinnen. Wer oder was gibt mir tatsächlich Sicherheit? Was trägt mich? Wo liegt mein Fundament? Kann ich Gott vertrauen, der jenseits aller Wirtschaftlichkeit alles in seinen Händen hält? Ich selbst möchte mich vor der Zukunft nicht fürchten, sondern dem vertrauen, der mich bisher sicher geführt hat.

Mir geht es nicht um hohe Politik

Ich will in meinem Beitrag nicht politisieren oder etwas besser wissen. Ich verstehe auch vieles von den großen Zusammenhängen nicht, um mir darüber ein Urteil zu erlauben. Ich will lediglich aufzeigen, welche Gedanken die obige Bibelstelle in mir ausgelöst hat.

Dabei wir mir einiges klar…

Mein Leben ist geführt von Gott! Er steht treu an meiner Seite und begleitet mich. Darauf will ich fest vertrauen und mich nicht immer über die Widrigkeiten meines Lebens beschweren oder ärgern. Was im Leben zählt, ist die Liebe und die Freude. Ja, ich will mich freuen, auch wenn der Weg vor mir neu und fremd ist. So habe ich das Gefühl, dass ich mit meiner Haltung aktiv Einfluss auf mein Leben nehmen kann. Ja, ich kann und will die stark befestigte Stadt Jericho in mir einnehmen. Ich habe es in der Hand, die Mauern in meinem Kopf einzureißen und meine inneren Begrenzungen zu überwinden. Gott hat auch mir durch das Bibelzitat diese Zusage gegeben.

Die Bibel ist zeitlos und immer wieder neu

Ich bin mir sicher, wenn jemand anderes sich mit diesem Zitat beschäftigt, käme er zu vollkommen anderen Gedanken als ich. Ebenso kann es sein, dass dieselbe Bibelstelle in einigen Jahren bei mir gar nichts auslöst oder in eine ganz andere Richtung geht.

Und das macht für mich das Ziehen von Bibelstellen so spannend und die Bibel selbst so zeitlos.

Bibelstellen sind keine täglichen Horoskope, die mir voraussagen, wie mein Tag sich heute gestaltet. Im Gegenteil: tägliche Bibelzitate norden mich immer wieder auf das Wesentliche, die einzige Wahrheit ein: GOTT!

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